e-mail-Zeitung Nr. 1 
NABU-Landesverband 
Hessen Juni 2003

Nationalpark Kellerwald
Ein Meilenstein auf dem Weg zur Bewahrung unseres Buchenwald-Naturerbes
Der Nationalpark Kellerwald ist zum Greifen nahe. Am 16.6. wird sich der Kreistag von Waldeck-Frankenberg mit dem Thema befassen und aller Voraussicht nach ein Votum für den Nationalpark abgeben. Umweltminister Wilhelm Dietzel eröffnet sich somit die Möglichkeit, einen Tag später auf dem Hessentag in Bad Arolsen beim traditionellen „Dämmersschoppen“ das Ja der Landesregierung zum Nationalpark Kellerwald effektvoll zu verkünden.
Dass es soweit kam, ist nicht zuletzt ein Verdienst des NABU, der sich zusammen mit den anderen Naturschutzverbänden konsequent für die Verwirklichung des Nationalparks eingesetzt hat. Dabei hatte es eine zeitlang gar nicht gut ausgesehen. Nach dem Regierungswechsel 1999 schien der Nationalpark ferner denn je. Die Ignoranz gegenüber dem Nationalparkgedanken gipfelte im Winter 1999-2000 mit dem Einschlag von 3000 Festmeter Laubholz im Areal des projektierten Nationalparks. 
Dem Einsatz der Verbände ist es zu verdanken, dass die Einschläge gestoppt wurden. Höhepunkt der Aktionen war die Kellerwald-Sternwanderung des NABU Hessen im September 2000, an der 600 Mitglieder teilnahmen. Der Widerstand hatte Erfolg. Nur 12 Tage später gab der Umweltminister einen Erlass heraus, wonach beim Laubholz vorläufig keinerlei Einschlag mehr erfolgen durfte. Doch es gab immer wieder Irritationen, wobei nur an das Vorhaben vom Bau einer Skipiste erinnert sei. Der NABU hat sich während dieser Durststrecke nicht vom Weg abbringen lassen. Im Gegenteil: die örtliche Präsenz wurde verstärkt, regionale Projekte vorangetrieben, Kontakte zu politischen Entscheidungsträgern intensiviert, eine aktive Pressearbeit geleistet …
 
NABU-Stand auf der NHZ-Tagung "Regionale Akzeptanz von Großschutzgebieten" am 26.-27.5.2003 in Bad Wildungen, 
Foto NABU/Cor
…und zahlreiche Führungen und Wanderungen zu den Highlights des Kellerwaldes organisiert. Fazit: Beharrlichkeit und kontinuierliche Aufklärungsarbeit haben sich ausgezahlt. Es sind die Gemeinden und der Kreis, die nun das Tor zum Kellerwald aufstoßen werden. 
 
Kellerwald-Exkursion am 27.5.2003, 
Foto NABU/Cor
Warum hat sich der NABU für einen Buchen Nationalpark stark gemacht? 

Hessen trägt im internationalen Maßstab eine große Verantwortung für Rotbuchenwälder. Buchenwälder kommen fast nur in Mitteleuropa vor, wobei der Verbreitungsschwerpunkt in Hessen und den angrenzenden Regionen liegt.
 
Karte von der Verbreitung der Buchenwälder in Europa, hellgrün Tieflandwälder, normalgrün Mittelgebirgswälder, dunkelgrün Gebirgswälder.
Qulle:Bundesamt für Naturschutz

Warum ist der Kellerwald ein geeigneter Standort für den Buchenwald-Nationalpark? 

Im Mittelgebirge existieren zwei Buchenwald-Grundtypen: der Buchenwald über kalk- und nährstoffreichen Böden und der Buchenwald über armen und sauren Gesteinen. Der bereits existierende Buchenwald-Nationalpark Hainich in Thüringen ist ein Kalkbuchenwald. Der Kellerwald ist von armen, bodensauren Buchenwäldern geprägt. 

Bodensaure Buchenwälder gibt es in vielen Teilen Hessens, über Grauwacke, Schiefer und Buntsandstein. Doch nur das Waldschutz- und FFH-Gebiet Kellerwald südlich des Edersees erfüllt die Kriterien, die für die Ausweisung eines Nationalparks notwendig sind:

  • Der Kellerwald ist ein großes von Straßen und Siedlungen freies Waldgebiet. 
  • Der Laubholzanteil dieser 5700 Hektar großen und als FFH-Gebiet gemeldeten Waldes liegt bei 75%. 
  • Der Kellerwald zeichnet sich durch viele alte Buchenbestände aus. 
Dass ein Nationalpark möglichst groß und geschlossen sein muss, versteht sich von selbst. Wo sonst sollten scheue Waldtiere wie Uhu, Schwarzstorch und Wildkatze einen zusagenden Lebensraum finden? Doch auch die weniger spektakulären Arten benötigen großflächige Wildnisgebiete. Ein echter Urwald hat viele Millionen, wenn nicht gar Milliarden Nischen in denen unzählige Käfer, Schmetterlinge, Fliegen, Spinnen, Pilze und Blütenpflanzen leben. Bernd Hannover aus Bad Wildungen hat im Gebiet des Nationalparks Kellerwald allein 679 Falter- und 681 Käferarten entdeckt. 
 
Totholz im Kellerwald, ein Anziehungspunkt für unzählige Käfer und Pilze, Foto NABU/Cor. 
Wenn sich ein Wirtschaftswald zu einem Naturwald entwickeln soll, braucht es viel Zeit und Platz. Bäume werden, um in den Worten von Horst Stern zu reden „im Kälberalter geschlachtet“ nämlich mit 100-150 Jahren. Buchen werden bis zu dreihundert Jahre alt. Durch Windwurf oder Pilzkrankheiten sterben jedoch immer wieder Bäume vor dem Erreichen der Altersgrenze ab. So entstehen kleine Lücken im Bestand, die die Struktur des Waldes bereichern. Das Totholz zieht viele spezialisierte Käfer und Baumpilze an. Hochstauden und Gehölznachwuchs konkurrieren um das einfallende Licht und langsam beginnt sich die Lücke wieder zu schließen.
 
Kleine Lichtung nach Windwurf im Kellerwald
Foto NABU/Cor. 
Mit fortschreitendem Bestandesalter werden die Lücken größer und häufiger. Immer mehr Bäume sterben ab. Der Bestand differenziert sich. Hiervon profitieren Höhlenbrüter, Greifvögel und Fledermäuse. Sechs Spechtarten und die Hohltaube leben im Kellerwald (Schwarz-, Grau-, Bunt-, Mittel-, Grün- und Kleinspecht). Neben Rot- und Schwarzmilan kommen Habicht, Wespenbussard, Raufußkauz und Uhu vor. In lichten Altgehölzen fühlen sich Trauerschnäpper und Gartenrotschwanz wohl. Nach Untersuchungen von LÜBCKE (1995) beherbergt der künftige Nationalpark 16 europäische Endemiten,  also Vogelarten, die nur in Europa vorkommen. 
Nicht an allen Stellen ist sofort ein Buchennachwuchs vorhanden, so dass besonnte Partien entstehen Hier haben Saumpflanzen und Gräser ein Auskommen, die wiederum zahlreichen Insekten anziehen. Auch Hirsche und Wildkatzen lieben grasreiche Lichtungen, letztere wegen der zahlreichen Mäuse. Im Laufe der Zeit schließen sich auch diese Lücken. Aber während der Lichtungsphase hatten neben den Buchen auch andere Baumarten die Chance zum Aufwachsen (z.B. Eiche, Ahorn, Bergulme…)  und so beginnt sich der Bestand zu mischen. All dies führt zu einem Flickenteppich unterschiedlich alter und großer Bestandesteile. 
 
Besonnte Lichtung nach mosaikartigem Absterben eines 300 Jahre alten Buchenwaldes in Nordbrandenburg („Fauler Ort“) Foto NABU/Cor. 
Im bergreichen Kellerwald, in dem die Täler zum Edersee steil und tief eingeschnitten sind,  ist zudem die Standortvielfalt recht hoch. Neben armen und geringmächtigen Böden kommen nährstoffreichere, Lehm überdeckte Flächen vor. Es existieren felsige Kuppen und Grate, feuchte Täler, schattige, blockreiche Schluchten, sonnenexponierte Hänge und, und, und… Setzt man Bestandesstruktur und Standortvielfalt in Beziehung, so wird klar: die Zahl der natürlicherweise vorkommenden Nischen muss ungeheuer groß sein. Um eine naturnahe Vielfalt zu erzeugen bedarf es also großer Flächen, die alle im Gebiet vorkommende Standorttypen beinhalten. Der künftige Nationalpark Kellerwald wird mit seinen 5700 Hektar diese Anforderungen gerecht. 
Was der künftige Nationalpark dagegen nicht alleine leisten kann, ist Tieren mit großen Streifgebieten einen ausreichenden Lebensraum zu gewährleisten. Beispiel Wildkatze:  Eine Population muss an die 500 Katzen umfassen um überlebensfähig zu sein. Ein Kuder (Kater) hat ein Streifgebiet, das von mehreren hundert bis zu 5000 Hektar reichen kann. Die Ansprüche der Wildkatze gehen also über die Grenzen des Nationalparks hinaus. Da der Nationalpark in den 40.000 Hektar großen Naturpark Kellerwald-Edersee eingebettet ist, stehen die Chancen für die Wildkatze, die im benachbarten Rothaargebirge lebt jedoch nicht schlecht. Wir müssen nur darauf achten, dass die Naturparkentwicklung den Naturschutzinteressen gerecht wird und dass Biotopbrücken nicht unterbrochen werden, etwa durch den Bau einer A4. 

Wildkatze, Mammal Society, London

Was bringt der Nationalpark Kellerwald für die Region Waldeck?

Der künftige Nationalpark wird nach übereinstimmender Meinung von Experten ein Magnet für den Fremdenverkehr sein. Auf dem Kellerwald-Seminar des NHZ im Mai dieses Jahre wurde diese Ansicht von Referenten vertreten, die es wissen müssen wie der Kurdirektor von Zwiesel und der Bürgermeister von Bayrisch Eisenstein (beide Nationalpark Bayrischer Wald). Auch in Berchtesgaden und in den Hohen Tauern (Österreich) haben die Nationalparke den sanften Tourismus gefördert. Mit einem Naturpark Kellerwald-Edersee, der als Außenbereich des Nationalparks fungiert, ist man auf dem richtigen Weg. Der Naturpark wird eine wichtige Grundlage für den Nationalparktourismus bilden von dem die Region profitiert. Der NABU ist mit von der Partie. Er hat sein Waldführungs-Programm inzwischen deutlich erweitert. Zusätzliche Angebote werden folgen. 

Was bringt der Nationalpark für die Naturschutzarbeit in Hessen?

Die Ausweisung des Waldschutzgebietes Kellerwald als Nationalpark wird uns helfen, das Naturerbe Buchenwald auch in anderen Landesteilen zu erhalten. Die Begriffe Waldwildnis und Buchenwalddynamik werden positiv besetzt. Wenn Förster sehen, dass die Waldwildnis für ihren Berufszweig neue und gesellschaftlich hoch angesehene Aufgaben mit sich bringt, dann werden wir auch an anderen Orten für den Naturwaldgedanken offene Ohren finden. Wenn zudem die Bevölkerung realisiert, dass Schutzgebiete positive wirtschaftliche Effekte erzielen, dann werden wohl viele Gemeinden ihren Urwald haben wollen, vor allem in den strukturschwachen Regionen. Schließlich wird durch die Ausweisung von „Urwaldgebieten“ der Blick auf die Bedeutung der Dynamik für die Lebensraum- und Artenvielfalt gelenkt. 

Hainich – Kellerwald – Eifel, 
eine Ost-West-Achse der Buchenwald-Nationalparks

Es ist eine Ost-West-Achse der Buchennationalparke im Entstehen. Zum NP Hainich und dem künftigen NP Kellerwald wird sich im Laufe des Jahres aller Voraussicht nach der NP Nordeifel gesellen. Der NABU spricht sich für eine Partnerschaft der drei Nationalparke aus, von denen jeder Besonderheiten aufzuweisen hat. 
 
Achse der Buchenwald Nationalparke
Karte  NABU/Cor. 

Zitate

Hannover, B. 2000: Artenliste Schmetterlinge – geplanter Nationalpark. Unveröff. 
Lübcke , W. 1995: Zur Vogelwelt im Waldschutzgebiet Edersee. Vogelkundliche Hefte Edertal 21:21-32.

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